Codex Luminis – Proditio

Becas Familie waren Kaufleute. Sie handelten mit Waren aus nah und fernund hatten es in der Vergangenheit durch geschicktes Heiraten sowie die zahlungen von taktischen und strategischen Boni – so bezeichneten sie die Bestechung von Amtsträgern und richterlichen Gesandten und Lakaien – geschafft, sich ein wenig Wohlstand aufzubauen. So war es möglich, für die jüngste Tochter Beca einen Platz in der friedensrichterlichen Priesterschule zu bezahlen.

Aus Angst vor Übergriffen durch die ansonsten mehrheitlich männlichen Priesterschüler entschied die Famile, dass Rajid Beca begleiten sollte. Rajid diente der Familie bereits seit über zwei Dreieinigkeitenals Leibgardist und hatte die kleine Beca nicht nur aufwachsen sehen, sondern auch mit großgezogen. Im Hof des Hauses hatte er ihr mit Holzschwertern das Kämpfen geübt und gelegentlich auch das Jagen mit dem Bogen oder Wurfwaffen. Beca mochte Rajid. Er war fast wie ein zweiter Vater für sie. Ihr leiblicher Vater war geschäftlich oft aus dem Hause und so war Rajid eine wichtige Bezugsperson für Beca geworden. Ihr Vater schimpfte zwar ein wenig ob der zusätzlichen Kosten, die Rajids Begleitung Becas verursachen würde, aber die Familie war sich schließlich einig, dass dies einkleiner Preis war, wenn dadurch Becas Unversehrtheit gewährleistet wurde. Zudem bot die Familie an, dass Rajid als Sicherheitsberater der Priesterschule nützlich sein könnte – ungeklärte Todesfälle in diesen Schulen waren ein offenes Geheimnis – wodurch sich die Zusatzkosten noch ein wenig begrenzen ließen.

So wurde Beca Novizin der freidensrichterlichen Priesterschule zu Gezerdam kaum dass sie zwölf Jahre alt war. Zu Beginn noch wagten es einige der pubertierenden männlichen Mitschüler, ihr Avancen zu machen, der Anblick Rajids jedoch gebot diesem Gebahren rasch Einhalt. Ob seiner Tätigkeit als Sicherheitsberater hatte Rajid weitreichende Freiheiten, die den Schülerinnen und Schülern so nicht gewährt wurden. Für die diese waren die Tagesabläufe und damit verbundene Aufenthaltsorte streng geregelt. Dies beinhaltete auch – aber nicht nur – Essens- und Schlafenszeiten. Immer wenn Rajids Beratertätigkeiten es erlaubten, war er in Becas Nähe und mit der Zeit fanden sie auch Möglichkeiten, zumindest das Schwertkampftraining wieder aufzunehmen.

Beca freundete sich mit einigen ihrer Mitschülerinnen an. zu ihrer Verblüffung stellte sie fest, das ihre neuen Freunde wie sie nicht aus Richterfamilien oder Friedensrichterdynastien entstammten. Wohl aber sämtliche der anderen 36 Priesterschülerinnen. Gemeinsam mit ihren fünf neuen Freundinnen erkundete Beca die frei zugänglichen Gemäuer der Priesterschule sowie die ihnen erlaubten Teile des zugehörigen Freigeländes. Die nächtlichen Erkundungen der für Schülerinnen verbotenen Orte machte sie allein. Nicht einmal Rajid erzählte sie davon. Sie war sich allerdings ziemlich sicher, dass dieser darum wusste und im Verborgenen über sie wachte. Auf einem ihrer nächtlichen Streifzüge entdeckte sie eine verschlossene Tür. Das Schloss ließ sich mit zwei Haarnadeln und ein wenig Klopfen und Rütteln öffnen. Ihr älterer Bruder hatte sie diese Kunst gelehrt, kaum dass sie alt genug war, mit Messer und Gabel zu essen. Hinter der Tür befand sich ein verlassener Lesesaal, die Wände voll mit Regalen, die schwer mit alten Büchern beladen waren. Keines der Bücher in diesem Raum war Bestandteil ihrer Ausbildung und der Raum schien lange nicht mehr betreten worden zu sein. Immer öfter kam sie hierher. Sie hatte sich sogar heimlich einen Schlüssel anfertigen lassen, damit sie nicht bei jedem Besuch ihre Haarnadeln malträtieren musste, um den Raum betreten zu können. Hier fand sie dann auch “Die vergangenen Zyklen”, eine Reihe von alten Folianten, die fast ein halbes Regal beanspruchten. Das, was sie in diesen Büchern las, war so ungeheuerlich, dass sie Rajid davon erzählte. Dieser riet ihr zu schweigen, es wäre sicher Ketzerei, diese Ungeheuerlichkeiten laut auszusprechen. Ungeachtet der Gefahr, weihte Beca ihre fünf Freunde in ihr Geheimnis ein und fortan trafen sich die sechs Freunde immer öfter zu heimlicher Lektüre in nächtlichen Stunden.

Dann geschah eines Tages, wovor Rajid gewarnt hatte. Eine der Freundinnen widersprach im Unterricht dem dozierenden Priester und zitierte dabei “Die vergangenen Zyklen”. Der Priester rief sogleich “Ketzerei” und wollte die Schülerin ergreifen, die da so ungeheurlich aus verbotenen Büchern zitierte. Beca jedoch brachte den Priester zu Fall und rammte ihm – außerstande in dieser Situation einen klaren Gedanken zu fassen – reflexhaft ihren Stift durch das Auge tief hinein in den Schädel, woraufhin der Priester für immer verstummte. Die anderen Schülerinnen, die dies mit angesehen hatten, stoben aus dem Unterrichtssaal; nur die sechs Freundinnen verblieben und fassten gemeinsam einen gefährlichen Plan. Kein richterlicher Sprößling und keiner der Priester überlebten diesen Tag.

Beca und ihre Freundinnen schickten die Bediensteten der Schule nach Haus zu ihren Familien. Sie gaben ihnen silberne Becher und Leuchter mit auf den Weg als Schweigegeld. Die Bücher der verbotenen Bibliothek wurden zusammen mit Proviant sowie sämtlichen Wertgegenständen der Schule einschließlich der Goldtruhe des verschiedenen Rektors auf Wagen verladen. rajid und einige ausgewählte Gardisten halfen ihnen beim Verladen, damit sie zügig würden aufbrechen können. Als am Anbruch des folgenden Tages alles verladen war und die kleine Reisegruppe, bestehend aus Beca und ihren fünf Freundinnen sowie einen halben Dutzend Gardisten und Rajid, in Richtung der aufgehenden Athunscheibe zogen, ging hinter ihnen die Priesterschule in Flammen auf.

Bald verbreitete sich die Kunde über eine Gruppe Ketzer, die durch die Lande zogen, der Bevölkerung aus verbotenen Büchern vorlas und den Tempelschatz der Priesterschule zu Gezerdam großzügig unter dem gemeinen Volk verschenkte in den Kreisen der Friedensrichter. Diese erklärten Beca, ihre Freunde und Begleiter, sowie jede und jeden, der ihnen half zu Ketzern und vogelfrei. Die Richter hatten jedoch die Macht der Worte unterschätzt. Waren es zu Anfang ihrer Reise noch Gold und Silber mit denen sich die Reisegruppe einen sicheren Unterschlupf teuer erkaufen musste, so eilten ihnen die Geschichten bald weit voraus. Wie heilige wurden sie empfangen, wenn sie in eine neue Stadt kamen. Die Schar derer, die sie begleitete wuchs beinahe stündlich. Infolge dieses Auszuges erhoben sich allerorts die Menschen gegen die Priesterschaft. Richter wurden enthauptet, Friedensrichter ertränkt. Jedoch hatten die Richter noch immer den Befehl über genügend Soldaten, auch wenn einige Heeresteile zur Gefolgschaft Becas übergelaufen waren.

So versank das Reich erneut im Blute. Der Krieg dauerte an. Es entstand eine Front zwischen friedensrichterlichen Truppen im Norden und Becas Verbündeten im Süden. Da die Frontlinie mitten durch Salem jure führte, richteten die Friedensrichter ihr Hauptquartier in Tungu ein, wohingegen Beca ihre Truppen – eigentlich war es natürlich Rajid, der als oberster General die Truppen befehligte –  von ihrer Heimatstadt Gezerdam aus koordinierte. Die Kampfhandlungen entlang des Frontverlaufes waren heftig. Die Frontlinie verschob sich beinahe täglich und führte manchen Tages nördlich, manchen Tages südlich an Salem Jure entlang. Infolge der Kampfhandlungen wurde die einstige Hauptstadt des Reiches Kirail dem Erdboden gleich gemacht. Nach beinahe schon zwei Dreieinigkeiten wurde endlich eine Waffenruhe ausgehandelt, die sich im Laufe der Zyklen zu einem dauerhaften Frieden zwischen dem heutigen Königreich Tungu im Norden und der Republik Matarr im Süden entwickeln sollte.

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