Die vergangenen Zyklen – Kapitel IV

Als der Krieg begann auch in ihrer Nähe zu wüten und ihr Gemahl Zsombor Weisung erhielt, den Kriegstruppen beizutreten, beschloss Boglanka ihre Familie in Sicherheit zu bringen. Zwei Tage bevor Zsombor sich hätte beim Militär einfinden sollen, packten sie das Nötigste ihres Hausstandes in Taschen und brachen mit ihrem Sohn Gokhan – ihrem einzigen Kinde – gen Nordwest in den Dschungel auf. Da Gokhan noch zu klein war, um selbst zu laufen, wechselten sich Boglanka und Zsombor dabei ab, ihn zu tragen.

Alsbald bemerkten die Befehlshaber das Fernbleiben Zsombors vom Kriegsdienst und als nach ihm geschickt wurde und im Hause er nicht anzutreffen war, schickte man ein halbes Dutzend Jäger auf seine Spur. Die Jäger waren geübt in der Verfolgung und dem Aufspühren fahnenflüchtiger Kräl und so hatten sie die Flüchtenden bald eingeholt. Diese jedoch stellten den Häschern Fallen, wodurch sich ihre Anzahl halbierte. Die verbliebenen Jäger waren nun umso mehr angespornt, die Flüchtenden zu ergreifen. Jedoch verlangsamten sie ihr Tempo, da sie sich einig waren, nicht den Tod durch eine Falle erleiden zu wollen.

Des Nachts am dritten Tage nachdem sie ihren dritten Gefährten zu Grabe getragen hatten, erspähten sie das Lager der Fliehenden. Zsombor hielt Wache und entdeckte die Angreifer zur rechten Zeit. Ein wilder Kampf brach aus, in dem einer der Jäger den Tod fand, jedoch auch Zsombor sein Leben gab. Boglanka war im Kampfgetöse heimlich aufgebrochen und schlug sich nun allein mit Gokhan durch den Dschungel. Die Jäger kamen dichter und sobald sie in Sichtweite kamen, beschossen sie Boglanka mit Pfeilen. Die meisten Pfeile verfehlten sie, denn durch das dichte Blattwerk des Dschungels hindurch war richtiges Zielen kaum möglich. Ein Pfeil jedoch traf Boglanka in die Ferse, wodurch sie nicht mehr laufen konnte. Mit letzten Kräften und unter unsäglichen Schmerzen schleppte sie ihren Sohn und sich selbst in eine nahegelegene Höhle. Diese schien die Behausung wilder Tiere zu sein, jedoch waren keine der Bewohner zugegen, als Boglanka und Gokhan eintrafen. Boglanka behandelte ihre Verletzung so gut es eben ging, gab Gokhan zu essen und zu Trinken, nahm sich selbst auch etwas und schlief dann ein.

Als sie erwachte, waren die Bewohner der Höhle zurückgekehrt. Gokhan spielte mit den Jungtieren. Auch hatte Gokhan instinktiv sein Äußeres dem Aussehen der neuen Spielkameraden angepasst.Haar sproß auf seinem Körper und seine Eckzähne waren zu Hauern gewachsen. Boglanka erhob sich vorsichtig. Der Schmerz schien stärker geworden zu sein. Ein Geflecht schwarzer Äderchen breitete sich von der Wunde in ihrer Ferse ausgehend über Fuß und Schenkel aus. War der Pfeil vergiftet gewesen oder war vielleicht Schmutz in die Wunde gelangt? Sie würde es nie erfahren. Sie gab Gokhan zum Abschied einen Kuß auf die Stirn, bewaffnete sich so gut es ging und schleppte sich ins Freie.

Im Schatten eines großen, alten Baumes erwartete sie ihre Häscher. Als diese sie schließlich fanden, gab es einen kurzen Kampf, den Boglanka nicht überlebte. Jedoch konnte sie einen der Jäger so schwer verwunden, dass dieser wenig später seinen Verletzungen erlag. Der letzte der Jäger wollte sich in seiner Gier nach Kopfgeld noch den Jungen schnappen und betrat die Höhle. Sobald er aber nach Gokhan greifen wollte, fielen die Tiere über ihn her, die Gokhan mittlerweile zu ihrem Rudel zählten und mit ihrem Leben verteidigten.

So geschah es, dass Gokhan im Dschungel unter Tieren aufwuchs und seine Erscheinung entsprechend gewandelt war. Sein Körper muskulös, seine Hände stark, Hauer anstelle der Eckzähne. Und da er unter Tieren aufwuchs, hatte er nichts an sich, was noch an Kräl erinnerte. Die Zeit verging und Gokhan wuchs und wurde größer und stärker, als eines Tages eine Gruppe Kräl in eben jenes Gebiet des Dschungels vorstiess, was Gokhans Heimstatt geworden war. Sie selbst waren ebenso auf der Flucht vor dem Krieg, wie damals Gokhan, Boglanka und Zsombor. Sie fanden Gefallen an der Art der Verwandlung Gokhans und taten es ihm nach. Schon bald freundeten sie sich an und Gokhan lernte die Sprache, die Schrift und den Umgang mit Werkzeugen. Gemeinsam bauten sie kleine Boote. Ein Bach in der Nähe sollte sie zu einem Fluß bringen und dieser zum Meer. Das Meer wollten sie befahren und ein neues Ufer finden, um fernab von Krieg und Verfolgung ein neues Leben zu beginnen. Gokhan fiel es schwer, seine Familie zurückzulassen, jedoch stellte sich heraus, dass einige seiner Brüder und Schwestern ihn begleiten wollten. Und so brachen sie auf.

Auf dem langen Weg über Bäche und Flüsse hin zum Meer schlossen sich weitere Kräl an, die ebenfalls in den Dschungel geflüchtet waren. Hunderte kleiner Boote konnte man zählen, die schließlich hinaus fuhren auf’s Meer. Mit Hilfe der Durchdringung konnten sie dem Meerwasser das Salz entziehen und es so trinkbar machen. Das rettete sie, denn es sollte noch Wochen dauern , bis sie im Nordwesten neues Land entdeckten, welches sie in Besitz nahmen und sich fortan Ungar nannten. Dies war nämlich der Legende nach das erste Wort gewesen, was Gokhan gesprochen hatte und niemand – weder Gokhan, noch die anderen, die damals dabei gewesen waren – wußte was es damals hatte bedeuten sollen. Und so gab man dem Wort eine ganz eigene neue Bedeutung.

Die Ungar verteilten sich über den neu entdeckten Kontinent und ließen sich in kleinen Gruppen nieder, bestellten das Land und trieben Handel miteinander. Den Brüdern und Schwestern, die mit Gokhan gekommen waren, gefiel das neue Land ebenfalls. Sie wurden der Ungar treue Begleiter.

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